Der Kreml unter dem Deckmantel historischer Mythen: Wie die russische Führung den Krieg in der Ukraine rechtfertigt und ant westliche Rhetorik schürt – Analyse des ISW

Chas Pravdy - 09 Mai 2025 06:36

Kurz vor dem 9. Mai, dem tragischen und gleichzeitig festlichen Tag des Sieges in Europa im Zweiten Weltkrieg, hat der Kreml eine groß angelegte Propagandakampagne gestartet, die Mythen und Symbole der Vergangenheit nutzt, um die sogenannte „einheitliche historische Identität“ zu formen. Ziel dieses strategischen Schrittes ist es, den Krieg gegen die Ukraine als logische und fortwährende Fortsetzung des heroischen Weges der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zu präsentieren, um so die aktuelle Aggression zu rechtfertigen und ein entsprechendes Informationsumfeld zu schaffen, das die Stimmung in der russischen Gesellschaft unterstützt. Laut Daten des analytischen Instituts des Institute for the Study of War (ISW) setzen russische Politiker und Medien konsequent sowjetische Mythen über den Sieg im blutigsten Krieg des 20. Jahrhunderts ein, um dieses historische Erbe in eine moderne Ideologie umzuwandeln, die die derzeit andauernde und in ihrem Ausmaß beispiellose Militäroperation rechtfertigt. Insbesondere am 8. Mai veröffentlichte Verteidigungsminister Andrej Beliuosov einen Artikel, in dem er erklärte, dass Russlands Krieg in der Ukraine in die Geschichte als „Heldentat“ eingehen werde, mit Anspielung darauf, dass dies eine Fortsetzung der glorreichen Traditionen des Sieges der Roten Armee über Nazi-Deutschland sei. Beliuosov betonte, dass die derzeitigen Bemühungen Russlands kein bloßer militärischer Einsatz seien, sondern eine tiefe historische Mission, die auf „heroischer Standhaftigkeit“ und „glorreichen Traditionen“ des sowjetischen Volkes beruhe, und dass der Sieg in diesem Konflikt „unausweichlich“ sei. Diese Aussagen stellen einen wichtigen Teil der breiteren Kampagne zur Schaffung einer neuen ideologischen Paradigma dar, in der historische Mythen des Zweiten Weltkriegs zu Instrumenten der Informationskriegführung werden. Der Schwerpunkt auf der Verwendung sowjetischer Symbole und narrativer Elemente wird auch von den staatlichen Medien Russlands aktiv unterstützt, was die Zielgerichtetheit dieser ideologischen Kampagne bestätigt. Nach Einschätzung der ISW-Analysten investiert der Kreml erhebliche Ressourcen in die Entwicklung einer neuen Staatsideologie, die mehrere Generationen russischer Bürger einbeziehen und als Fundament für die Rechtfertigung potenzieller neuer Aktionsformen der Aggression – sowohl gegen den Westen als auch gegen regionale Gegner – dienen soll. Beliuosov selbst wiederholt das Narrativ, dass Moskau anders nicht hätte reagieren können, als den groß angelegten Krieg zu beginnen, da die Lage im Land nach seiner Aussage „Leben und Tod“ sei. Diese Aussage ist ein klassisches Beispiel für die Verwendung historischer Mythen zur Begründung gegenwärtiger politischer Entscheidungen. Ebenfalls bedeutend ist die Rhetorik Dmitri Medwedews – des ehemaligen Präsidenten und heutigen Stellvertreters des Obersten Rats der Sicherheit Russlands – der kürzlich europäischen Ländern drohte und insistierte, dass sie „nicht vergessen“ dürften, dass die uneingeschränkten Siege über Nazi-Deutschland erreicht wurden, wenn sie die Ukraine unterstützen. Dies ist ein weiteres Element der groß angelegten ant Western-Rhetorik, die versucht, sowohl das interne als auch das internationale Publikum davon zu überzeugen, dass der jetzige Krieg eine Fortsetzung des historischen Kampfes für „Gerechtigkeit“ und „Befreiung“ ist. Die Analysten stellen fest, dass solche Botschaften Bestandteil einer umfassenderen strategischen Konzeption sind, der sogenannten Strategie des „reflexiven Kontrolls“, die darauf abzielt, die Unterstützung für die Ukraine in Europa durch gefälschte historische Narrative, Demotivation und Desillusionierung zu verringern. Dies ist Teil einer gezielten Kampagne zur Steigerung der antwestlichen und antiwestlichen Rhetorik, die laut Kreml dazu dienen soll, die innere Einheit zu stärken und die Grundlage für mögliche neue militärische Vorstöße zu schaffen. Insgesamt ist die aktive Nutzung von Mythen und Symbolen sowjetischer Geschichte in der Außen- und Innenpolitik Russlands nicht nur Propaganda, sondern ein strategisches Instrument zur Schaffung einer neuen Staatsideologie, die die Eskalation des Konflikts rechtfertigen und plausibilisieren kann. Angesichts dieses Trends sollte die internationale Gemeinschaft die Verbreitung solcher Narrative aktiv analysieren und entgegenwirken, um ihren Einfluss auf die öffentliche Meinung sowohl in Russland als auch in den westlichen Ländern zu minimieren.

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